VAN GOGH, MONET & Co. Acht Künstlerleben durch Kinderaugen
Seit Jahren verfasst und illustriert Laurence Anholt seine Kinderbücher Kleine Geschichten von großen Künstlern zu einzelnen Persönlichkeiten der Kunstgeschichte. Nicht nur in Großbritannien, der Heimat des Autors, sondern auch in vielen anderen Ländern findet diese Kunstbuchreihe für Kinder bei kleinen und großen Lesern ein begeistertes Publikum. Im TASCHEN Verlag sind nun acht davon in einem leuchtend blauen Band erschienen, dem Gegenstand angemessen mit edlem blauen Leinenrücken und blauem Lesebändchen. Wertvoller und vor allem warmherziger kann man Kunstbücher für Kinder wohl kaum gestalten …
DAS KIND AN DER SEITE DES MEISTERS

Durch die Augen des kleinen Camille lernen die jungen Leser Vincent kennen, den Sonnenblumenmann, der auch die Sterne malte © Laurence Anholt
Im südfranzösischen Arles echauffieren sich die Bürger über das, was dieser seltsame Fremde da auf die Leinwand schmiert, doch der kleine Camille bewundert den Maler Vincent van Gogh für dessen leuchtende Sonnenblumenbilder. Der Sohn von Paul Cézanne verbringt mit vierzehn einen ganzen Sommer en plein air bei seinem Vater und erlebt unmittelbar, was an dessen Bildern so einzigartig und bahnbrechend modern ist, lange bevor die Kunstkritiker darauf kommen. Da ist es nur folgerichtig, wenn Laurence Anholt in jeder seiner kleinen Geschichten von großen Künstlern die Perspektive eines Kindes einnimmt, das mit kindlicher Unvoreingenommenheit und Wissbegierde „seinem“ Künstler begegnet.

Der bärtige Riese in den Bergen, der verrückte Bilder malt: Paul trifft seinen Vater Paul Cézanne © Laurence Anholt

Paul junior ruft es aus: Mit seinen verrückten Bildern erklimmt Cézanne später den Gipfel der Kunstwelt © Laurence Anholt
Dieses Kind hat sich Anholt nicht ausgedacht, sondern es ist in der Biografie dieses Künstlers tatsächlich verbürgt. Auf diese Weise erschafft der Schriftsteller eine Identifikationsfigur für den jungen Leser und ebnet ihm den Zugang zu einer Persönlichkeit der Kunstgeschichte. Das gelänge ohne diesen Kunstgriff sicher nicht so leicht. Und zu guter Letzt helfen die dynamischen, fröhlich-bunten Aquarellzeichnungen, auf die sich Laurence Anholt so gut versteht, der kindlichen Vorstellungskraft auf die Sprünge.

Fridas kleine Freundin Mariana staunt nicht schlecht angesichts des skurrilen Interieurs im blauen Haus © Laurence Anholt
ANHOLTS ERFOLGSREZEPT

Frida stellt sich vor: Mit einem Detail aus ihrem Selbstbildnis, welches die Künstlerin Leo Trotzky gewidmet hat, 1937, Öl auf Masonit © National Museum of Women in the Arts
Die kleinen Geschichten von großen Künstlern im Sammelband von TASCHEN folgen der Gliederung, wie sie sich schon bei den Einzelbänden der Kinderkunstbuchreihe bewährt hat: Zunächst stellt sich der Künstler sozusagen selbst vor, mit einem ganzseitigen Selbstporträt, wie es sich für einen Maler gehört. Darauf folgt das Wesentliche, nämlich die Geschichte, welche das Kind mit dem Künstler erlebt hat. Unter der anschließenden Rubrik „Begegne dem Künstler“ lässt Laurence Anholt diesen selbst seinen Werdegang erzählen, und am Ende werden dem Leser kurze „Fragen an Dich“ gestellt, die ihn zum weiteren Nachdenken anregen sollen.

Das Pappmaché-Skelett befand sich tatsächlich auf Frida Kahlos Himmelbett: „El Sueño (La Cama)“ aus dem Jahr 1940, Öl auf Leinwand, Privatsammlung
Keinesfalls fehlen dürfen in einem Buch über Künstler natürlich die Bilder, die sie gemalt und die Skulpturen, die sie gefertigt haben. Laurence Anholt versammelt dazu auf einer Doppelseite eine Auswahl an Gemälden bzw. Skulpturen des jeweiligen Künstlers. In einem gesonderten Anhang sind dann alle im Buch abgebildeten Kunstwerke nochmals im Überblick zu finden, und zwar mit ihrem offiziellen Titel, den Angaben zum Material und dem Ausstellungsort.

Das Mädchen aus der kleinen Geschichte von Laurence Anholt gab es tatsächlich: Mariana Morillo Safa wurde von Frida Kahlo im Jahr 1944 porträtiert, Öl auf Leinwand, Privatsammlung
WAS UNS GEFÄLLT

Der Gärtner unter den großen Künstlern: Claude Monet, hier im Selbstbildnis mit Baskenmütze, 1886, Öl auf Leinwand, Privatsammlung
Als die kleine Julie Manet aus Paris mit ihrem Hund Louey zu Besuch bei Claude Monet in Giverny ist, wird sie vom Maler durch seinen Wassergarten gerudert. Hier erlaubt sich Laurence Anholt den Kunstgriff, das Boot mit den dreien durch das berühmte Monet-Gemälde „Der Seerosenteich“ gleiten zu lassen. Auf der Breite einer Doppelseite und in dieser hervorragenden Wiedergabequalität – so bezaubernd!

Der Seerosenteich mit der japanischen Brücke: Claude Monet führt Julie durch sein allerschönstes Werk – seinen Garten in Giverny © Laurence Anholt
Noch ein Franzose: Wie viele Bilder von den Balletttänzerinnen der Pariser Oper hat Edgar Degas gemalt, in zarten Farben das Inkarnat, die duftigen Tutus! Als Maler der Tänzerinnen ist er schließlich berühmt geworden. Und dann stellt Laurence Anholt ausgerechnet die einzige Skulptur, die Edgar Degas je ausgestellt hat, die „Kleine vierzehnjährige Tänzerin“ vor, die wächserne Oberfläche schon stark nachgedunkelt, die textilen Teile auch nicht mehr taufrisch. Die zu Herzen gehende Geschichte der Ballett-Elevin Marie van Goethem, die Edgar Degas dafür Modell gestanden hat, ist es allerdings wert, erzählt zu werden.

Links: die „Erschöpfte Tänzerin“ von Edgar Degas, 1882-85, Pastell auf hellblaugrauem Papier © bpk – Auf der rechten Seite und ebenfalls erschöpft: Marie, die „Kleine vierzehnjährige Tänzerin“ beim Modellstehen für Monsieur Degas © Laurence Anholt
WARUM DIESE GESCHICHTEN ZEITLOS SIND
„Ich glaube, diese Geschichten sind zeitlos. Und heute sogar noch relevanter als während ihrer Entstehung vor 30 Jahren“, sagt Laurence Anholt. Gerade in einer Welt, die immer digitaler wird, so der Autor, sehnen sich die Menschen nach unmittelbaren und sinnlichen Erlebnissen, nach dem Glücksgefühl, das man empfindet, wenn man ein Bild malt oder, wie die kleine Julie, durch Monets magischen Garten flaniert. – Genau das versucht Laurence Anholt mit seinen Geschichten zu vermitteln.
UNSER FAZIT: Kleine Geschichten von großen Künstlern aus dem TASCHEN Verlag ist eines der wertvollsten Kunstbücher für Kinder überhaupt. Ein Sammelband, der selbst für Erwachsene interessant ist, für all diejenigen, deren letzter Museumsbesuch schon eine Weile zurückliegt, und die ihr Allgemeinwissen in Sachen Kunst auffrischen wollen. Und für die jungen Leser ebnet diese einfühlsam erzählte Reise in das Leben großer Künstler den wohl schönsten Weg für eine lebenslange Liebe zur Kunst.
TROUBLE UNDERSTANDING GERMAN? JUST VISIT DEEPL AND YOU’RE DONE!
Featured Image by © Musée d’Orsay, Dist. RMN-Grand Palais/Patrice Schmidt; Seventh Image (Self Portrait of Frida Kahlo) by © National Museum of Women in the Arts; Eighth, Ninth and Tenth Image (Self Portrait of Claude Monet) from Private Collections; Twelfth Image (Tired Dancer by Edgar Degas) by © bpk; Second Image (Book Cover Illustration) and all other Illustrations by © Laurence Anholt. All Rights Reserved

