Tisch mir ein MÄRCHEN auf!

Märchen lesen ist hip, noch hipper ist es, sie zu kochen: Rapunzels Haarpracht landet dann als Carbonara auf unseren Pasta-Tellern, die Croûtons für den Salat stibitzen wir bei Hänsel & Gretel und Rotkäppchen stillt unsere Sugar Cravings … Autorin Kathleen Beringer instruiert mit ästhetischer Hingabe, wie wir den Kochlöffel nach grimmscher Manier schwingen – Ihr Märchenkochbuch, eine Art interaktives Familien-Happening, erfüllt den Urtraum vom immer gedeckten Tisch.

Warum die Grimms was für Gourmets sind und wie man deren Werke postmodern „auftischt“, das verrät uns Kathleen Beringer im Gespräch.

„Die Protagonisten werden nicht gegessen!“ Interview mit einer Märchenköchin

Mit Gusto durch den Märchenwald: Kathleen Beringer © Dieter Mayr

Mit Gusto durch den Märchenwald: Kathleen Beringer © Dieter Mayr

MILAN Magazine: Mal abgesehen vom vergifteten Apfel – warum sind die Grimmschen Märchen eine wahre Fundgrube für Gourmets?

Kathleen Beringer: In allen Märchen hat Essen einen besonders hohen Stellenwert. Es geht entweder um die Beschaffung von Essen an sich in harten Zeiten und den Traum vom Überfluss „des immer gedeckten Tisches“ oder es geht um einzelne Lebensmittel wie z. B. Lebkuchen, Brot, Gesottenes und Gebratenes, Haselnüsse, Birnen, Schwarzfederhuhn und die gute alte Suppe, die immer wieder vorkommt. Es ist spannend, aus historischer Sicht zu begreifen, womit die Menschen gekocht haben und sehr inspirierend, um daraus neue Rezepte zu entwickeln.

MM: Den altbackenen Schneewittchen-Kuchen verwandeln Sie in eine trendige Pavlova. Inwiefern spielen Food-Trends wie z. B. Superfood eine Rolle in Ihrem Märchenkochbuch?

KB: Die Idee war zu betonen, wie zeitlos Märchen sind und dass sie in unserer Zeit nichts von ihrer Wirkung, Botschaft und Aktualität verlieren. Ich habe versucht, mit den Zutaten, die in den jeweiligen Märchen vorkommen, zu arbeiten und punktuell ein paar neuere Zutaten zu integrieren, die sich so sehr in unserer Essenskultur etabliert haben, dass sie nicht mehr wegzudenken sind wie Avocado, Ingwer oder Cashewkerne. Essen entwickelt sich ständig weiter und meine Absicht war es, die Märchen in unserer Zeit zu verankern.

Nomen est omen: Rapunzels Turm wird zum Austernpilz-Türmchen mit "Rapunzel". Ill. © Rinah Lang/Foto © Katrin Winner

Nomen est omen: Rapunzels Turm wird zum Austernpilz-Türmchen mit „Rapunzel“. Ill. © Rinah Lang/Foto © Katrin Winner

MM: Wie sind Sie beim Entwickeln der Rezepte vorgegangen?

KB: Ich habe mich mit einem Marker gewappnet und die Märchen alle wieder gelesen. Dabei habe ich jedes Adjektiv, das in der Geschichte vorkam, markiert. Um Ihnen ein Beispiel zu geben, war es in dem Froschkönig „grün“, „nass“, „kühl“ und „rund“, dann sind durch Assoziationen die Gerichte entstanden. Aus „kühl“ und „grün“ wurde Götterspeise, aus der goldenen Kugel Spinatknödel und aus „grün“ und „nass“ der Gurkensalat. Eine goldene Regel gab es: Die Protagonisten werden nicht gegessen! Ein paar Wortspielchen wie der Kuss-Kuss-Salat konnte ich mir nicht verkneifen, auch nicht das Augenzwinkern mit dem Wolfsbarsch beim „Wolf und die sieben Geißlein“. Teilweise habe ich mich auch von Strukturen bzw. Formen inspirieren lassen. Bei Rapunzel erinnern die Gerichte an lange blonde Haare oder einen Turm.

Rotkäppchen geht vom Wege ab: Wald-Wiesen-Risotto mit Löwenzahn und Gänseblümchen. Ill. © Rinah Lang/Foto © Katrin Winner

Rotkäppchen geht vom Wege ab: Wald-Wiesen-Risotto mit Löwenzahn und Gänseblümchen. Ill. © Rinah Lang/Foto © Katrin Winner

Kein Märchen-Menü ohne den passenden Drink: der Rotkäppchen-Wein. Foto © Katrin Winner

Kein Märchen-Menü ohne den passenden Drink: der Rotkäppchen-Wein. Foto © Katrin Winner

MM: War es schwierig, Gerichte so zu kreieren, dass sie am Ende der ganzen Familie schmecken?

KB: Da alle einen unterschiedlichen Geschmack haben, achte ich immer darauf, eine Proteinquelle, eine Gemüseart und eine Kohlenhydratart in den jeweiligen Menüs zu haben, so dass sich jeder servieren kann, was er am liebsten isst.

MM: Welche Rezepte aus Ihrem Buch können Kinder ganz alleine oder mit ein wenig Hilfe selbst nachmachen?

KB: Je nach Alter ist es unterschiedlich. Mir ist aufgefallen, dass viele Kinder am liebsten die Getränke mischen, da sie es eigenständig machen können, es wirklich nicht lange dauert und sie diese sehr schnell genießen können. Bei den anderen Rezepten muss man einen Herd, einen Ofen, einen Schneebesen oder ein Messer bedienen können. Das alles geht eher ab einem Alter von 12 Jahren.

MM: Nach einem anstrengenden Tag: Welches märchenhafte „Feelgood-Menü“ würden Sie sich zusammenstellen?

KB: Mein Lieblingsessen aus dem Märchenkochbuch ist das Pulled Pork mit Ofengemüse, vor allem im Winter, weil es so einfach ist. Es dauert zwar drei Stunden im Ofen, aber es ist kaum Arbeit. Den Brotsalat liebe ich auch sehr und er kann gut vorbereitet werden, wenn man die Croûtons im Voraus brät. Den Gurken-Avocado-Salat gibt es mindestens einmal pro Woche.

Royales Dessert aus dem Froschkönig: veganer Schokokuchen mit Avocadocreme-Füllung. Ill. © Rinah Lang/Foto © Katrin Winner

Royales Dessert aus dem Froschkönig: veganer Schokokuchen mit Avocadocreme-Füllung. Ill. © Rinah Lang/Foto © Katrin Winner

MM: Gibt es Märchen, die Sie so schrecklich finden, dass Sie diese Ihren Kindern nie vorlesen würden, geschweige denn etwas daraus kochen wollen?

KB: Ich habe oft beim Vorlesen Details weggelassen oder kleine Veränderungen eingebracht, je nach Alter und momentanem Gemütszustand. Diese Version der Märchen ist sowieso relativ „softer“ als andere Versionen, wo es z.B. heißt, dass der Böse hinfällt und sein Schädel in zwei Teile gespalten wird, ganz schön gruselig.

MM: Vielen Dank für die Grimmsche Degustation, Frau Beringer!

Bei den Bremer Stadtmusikanten wird "hochgestapelt": der Burger mit Banditenkartoffeln. Ill. © Rinah Lang/Foto © Katrin Winner

Bei den Bremer Stadtmusikanten wird „hochgestapelt“: der Burger mit Banditenkartoffeln. Ill. © Rinah Lang/Foto © Katrin Winner

Die Grimms für Gourmets ­… 60 Fabelhafte Märchen-Rezepte!

Erst lesen, dann löffeln: Das Märchenkochbuch soll zur gemeinsamen Lese- und Kochsession anregen © Elsa Publishing

Erst lesen, dann löffeln: Das Märchenkochbuch soll zur gemeinsamen Lese- und Kochsession anregen. © Elsa Publishing

Das Kochbuch der Märchen – Grimms kulinarische Welt von Kathleen Beringer ist beim Münchner Verlag Elsa Publishing erschienen.

Fotos © Katrin Winner
Instagram @studio_katrinwinner
https://www.katrinwinner.de

Illustrationen © Rinah Lang
Instagram @signorinah
https://www.signorinah.de

Rezepte © Kathleen Beringer
Instagram @kathb77

Kuchenrezepte © Uwe Lindner / The Victorian House, 2021
Instagram @victorianhouse
https://www.victorianhouse.de

Konzeption und Gestaltung © Schmid/Widmaier | München 2021
Instagram @schmidwidmaier
https://www.swdesign.de

 

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