Hipster oder Wollstrumpf?

Ein Mann läuft die Straße hoch. Seine Körpergröße lässt darauf schließen, dass er nicht mehr drei Jahre alt ist. Nur: seine Kleidung sieht aus wie die eines Dreijährigen. Er trägt eine bunt gestreifte Strickmütze mit Bommel und Klappen über den Ohren. Adidas Schuhe, Kapuzenpulli und eine weit sitzende Jeans.

Auch wenn sich über Geschmack streiten lässt, tendiert der Sexappeal dieses Mannes objektiv gen Null, was nichts mit Ausstrahlung, Körperhaltung oder Aussehen zu tun hat, sondern einzig und allein mit der Infantilisierung seines Kleidungsstils.

"Ich möchte nicht erwachsen werden!" – Illustration © Klaus-Jürgen Ulbricht

„Ich möchte nicht erwachsen werden!“ – Illustration © Klaus-Jürgen Ulbricht

Was sagen uns die Eltern, die sich am Kleiderschrank der Kleinen inspirieren? „Ich möchte nicht erwachsen werden!“ Das kann sympathisch sein oder nerven. Es ist verlockend, die Kinderwelt als utopische Gegenwelt zu entwerfen, in der es sich noch frei und unbekümmert leben lässt. Aber sollte man sich nicht der Realität stellen? Und sich dabei richtig kleiden, will heißen, die Rolle des Erwachsenen äußerlich sichtbar annehmen?

Und andersrum? Es gibt die Kleinen, die aussehen wie die großen Hipster. Ihre Outfits bestehen aus zerrissenen Jeans, Biker Boots, Lederjacken und T-Shirts mit aufgestickten Cannabis-Blättern. Sie werden geschmückt mit den Accessoires wie Gliederketten, Netzstrümpfen und Nietengürteln.

Eltern/Kind – die Grenzen verschwimmen. Mal gleichen sich die Alten den Jungen an, mal werden die Kleinen die Schrumpfversion der Großen. Armani, ein Label, das bekanntlich als eines der ersten sein Imperium mit anderen Produkten als Kleidung erweiterte – bis hin zum Möbelsegment – lancierte 1981 die Kinderlinie Armani Junior.

Zum Vergleich: Dolce & Gabbana machte diesen Schritt erst 2012. Wirtschaftliche Interessen der etablierten Marken, die die Töchter und Söhne der eigentlichen Kunden an ihr Haus binden wollten (wer sich als Kind im Burberry-Kleidchen wohl fühlt, tut das auch später noch) haben für einen Boom an hochwertiger Kindermode gesorgt. Die Marken der anderen Preisklassen folgten und erkannten diesen Markt ebenfalls frühzeitig. Benetton, H&M, Zara und Mango bieten dem ästhetischen Gestaltungswillen der Eltern große Auswahl.

Was hat diese Entwicklung gebracht? Kindermode ist interessanter und vielfältiger geworden. Es gibt nicht mehr nur die einheitliche Latzhose von Oshkosh, das schreiend bunte Kleidchen von Oilily und die dunkelblauen Elefanten-Treter. Modisch betrachtet, ist dies eine große Errungenschaft.

Ob ein Kind nun kindgerecht gekleidet wird oder nicht, bestimmt aber nicht nur die Modeindustrie, sondern auch die unterschiedlichen Ideologien der Eltern spielen eine Rolle. Beide Varianten haben jedoch eins gemeinsam: Wenn Eltern sich wie Kinder kleiden und Kinder wie Erwachsene rumlaufen, werden die Unterschiede untereinander nivelliert. Man trifft sich auf Augenhöhe, Hierarchien werden flacher. Daddy cool – ob Totenkopfschnuller oder selbstgestrickte Jacke, die Aussage bleibt letztlich eh die gleiche. Ich bin wie Du.

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Comments

  1. Super Artikel. Die nivellierung passt in den Trend des ewig jungen. ..nicht kind aber auch nicht wirklich erwachsen. Vielleicht reflektiert es auch das Widerstreben Verantwortung zu übernehmen und zu akzeptieren dass Rollen sich mit dem Alter ändern.

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